NOTTING HILL
... oder: Filme, die wir hassen (@Christoph)
Abschlussfahrt des Englisch-LKs. Zwölfte Klasse, erster Trip nach London, meine Haare noch buchstäblich arschlang. Fünf Tage. Erinnerungen brauchstückhaft. Jungs, die sich schon vor Ablegen der Fähre mit Billigbier so die Kante gaben, dass sie sich beim ersten Wellengang von oben bis unten voll kotzten, Gesamtgruppe-Gewaltmärsche an der Touri-Route entlang, Kiffen auf dem kleinen Balkon, von dem dann unter mysteriösen Umständen ein Schuh verschwand, so dass dessen Besitzer sich für die verbleibenden Tage einen leihen musste, und nicht zu vergessen Lehrerin F., ihres Zeichens goldblondsiegfriedgleich-frisiert, die am nächsten Morgen durch den Bus wütete und uns alle immer wieder weckte, um uns das Schlafen ein für alle mal zu verbieten, nur um uns am Zielort (irgendeinem unbekannten Schlösschen weit jenseits der Stadtgrenzen) mitteilen zu müssen, dass ausgerechnet an diesem Tag geschlossen war.
Ich wollte am liebsten alleine rumlaufen und Straßen gucken; hab das erste Mal Streetart gesehen, aber allein, d.h. ohne Autoritätsperson unterwegs sein, war nur in Kleingruppen „zu mindestens Mehreren“ erlaubt, und irgendwie habe ich einmal nicht aufgepasst und die falsche Gruppe erwischt und so einen gefühlten Tag lang damit verbracht, die dämliche blaue Tür aus Notting Hill im gleichnamigen Stadtteil zu suchen.
Mich haben diese Filme immer angekotzt. Diese ohne sichtbare Arbeit erfolgreichen Frauen, die im Grunde aber einen achsoweichenundverletzlichen Kern haben, dass sie ihren meistens unerfolgreichen (aber selbstverständlich wahnsinnig gut aussehenden) Mackern nicht nur den nötigen Sexappeal, sondern auch das Quentchen Kindchenschema (Och du armes dummes Ding, du weißt nicht, was Liebe ist? Dann zeigt der liebe Onkel Hugh es dir) offerieren. Männer brauchen das nämlich, um sich nicht etwa minderwertig, sondern im Gegenteil beschützerinstinktmäßig gefordert zu fühlen. So solche Filme.
Ich habe mich immer schon gefragt, wieso es nicht genauso viele Filme gibt, an denen sich Mädchen mal realistisch orientieren können; wieso werden keine Wissenschaftlerinnen gezeigt oder Hausfrauen oder weibliche Clowns (an dieser Stelle gilt meine zutiefst empfundene Ehrerbietung Robert Altman )? Wieso keine normalen Probleme? Natürlich, die Antwort liegt auf der Hand: Weil es Filme für DIE FRAUEN sind; weil DIE FRAUEN sich mit den dargestellten Frauen identifizieren sollen (was sie natürlich nur machen, wenn diese erfolgreich und positiv dargestellt sind, jedoch nicht ZU weit entfernt vom Alltag DER FRAUEN). Weil DIE FRAUEN Ablenkung vom Alltag brauchen und träumen wollen.
Vielleicht ist das wie mit Horoskopen. Immer so formuliert, dass sie auf jeden Fall stimmen müssen. BÜNDELN SIE DIESE WOCHE IHRE FÄHIGKEITEN, LASSEN SIE IHREN CHARME SPIELEN UND FREUEN SIE SICH AUF EINEN HERZBLATTJACKPOTT AM MITTWOCH. Nä, wat schön. Kann man da denn etwa nicht dran glauben? Das würde ja schon fast heißen, nicht an die eigenen Fähigkeiten zu glauben!
Wenn eine im Film dargestellte Erfolgsfrau, dargestellt von Julia Roberts, die einen ja schon in Pretty Woman umgehauen hat, genau die gleichen kleinen Problemchen hat wie man selbst- WOW. Dann ist das ein toller Film. Besonders, wenn sie dann am Ende den Typen mit den blausten Augen Great Britains doch kriegt. Wieso sollten denn dann echte Probleme dargestellt werden? Identitätsfindung? Existenzängste? Viel zu unentspannend.
Am Abend des Tages der Suche nach der blauen Tür (die insofoern unerfolgreich blieb, dass wir zwar Dutzende blaue Türn, aber nicht DIE blaue Tür gefunden hatten) stand noch ein Theaterbesuch auf dem Plan. Shakespeare’s Reduced Company im Criterion Theater. Wir nahmen die reservierten Plätze in der ersten Reihe ein und schauten Shakespeares Gesamtwerk in 90 Minuten an... bis irgendwann mittendrin Menschen aus dem Publikum auf die Bühne geholt wurden um mitzuspielen- unter anderem auch ich. Einer der Schauspieler (er trug lustige Schnabelschuhe und einen Robin Hood-Umhang) erklärte mir meine Rolle und fragte mich mehrmals, ob ich das auch könne. Ich hatte so was noch nie gemacht und war mir auch nicht so sicher. Trotzdem wurde ich auf meinen Platz gestellt, von einer hellen Lampe angeleuchtet und angewiesen, aufs Zeichen zu warten. Meine einzige Anweisung war, zu schreien, so laut und so lang wie ich konnte.
Bevor das Zeichen kam, dachte ich an die blauen Türen, an jede einzelne, und an die Mädels, mit denen ich unterwegs gewesen war und daran, dass ich manchmal gar nicht so genau wusste, wieso das alles nicht so zusammenpasste, die anderen und ich, ich und die anderen, und in dem Moment, in dem ich meinen Mund öffnete und der Ton von ganz alleine heraus kam, war mir plötzlich klar, dass es bald vorbei sein würde, dass es einfach unterschiedliche Leute gibt und dass sie nicht komisch sind, wie sie sind und ich nichts dafür kann so zu sein wie ich bin, und dass es gar nicht schlimm ist, weil es soviel mehr gibt auf der Welt, so viele Möglichkeiten zu leben, so unzählbar viele Nischen und meinetwegen auch blaue Türen, von denen jede in eine andere neue Welt führt, so viele, dass man nie im Leben alles erleben kann- aber das, was man wirklich will hoffentlich findet. In diesem Moment war mir klar, dass sich unser aller Wege trennen würden; dass ich die meisten der Mädels jahrelang nicht wieder sehen (und dann erst auf den dritten Blick wieder erkennen würde, eingerahmt von Mann, Kind und Eigenheim), dass ich andere Filme schauen würde als sie und dass ich Leute finden würde, die die gleichen Filme gucken und ähnliche Dinge denken wie ich, und das das alles ganz normal und der Lauf der Dinge ist. Und dass man sehr dankbar dafür sein kann, die Freiheit zu haben, sich das Umfeld auszusuchen, in dem man wachsen kann und Menschen zu finden, mit denen man ein Stück von sich teilen kann.
Ich glaube, ich war laut.
Wow, toller Eintrag, Cschn! Ich glaube ich habe selten etwas persönlicheres von dir gelesen! Ich glaube, ich habe irgendwo auch noch den Zeitungsartikel zum Schrei. Aber ich wette, dass du dagegen bist, dass ich in Uploade.
AntwortenLöschenSchade, dass wir damals nicht zusammen durch London gelaufen sind. Wäre bestimmt netter geworden, als wir damals gelgaubt hätten.
merci. auf j e d e n wäre das netter gewesen. das hat dann aber noch einige jahre gedauert. immerhin weiß ich trotzdem dein dunkles london-geheimnis. ;)
AntwortenLöschenachja: falls du den artikel irgendwo griffbereit hast, kannst du ihn mir auch gerne mal mailen. ich glaube, ich habe den gar nicht mehr. und das lied geht schon in eine ähnliche richtung wie die aggro-stimmung. ;)
AntwortenLöschenSAW
AntwortenLöschenwitam.
AntwortenLöschenDie Suche nach der Blauen Blume, der blaue Reiter, heute ist es die Blaue Tür. Wer wollte sie unbedingt sehen, die ( anderen) Schülerinnen oder die Lehrerin? Ich bin sehr erleichtert, dass auch deine Suche danach zu einer Erhellung deines Geistes führte, an dem ich mich immer wieder erfreuen kann, wie eben beim Lesen deiner Texte!
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